Liebe Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter,
ich wende mich heute ganz bewusst direkt an Sie – an diejenigen, die jeden Tag, jede Nacht und unter allen Umständen bereitstehen, um Menschen in medizinischen Notlagen zu helfen. Keine Berufsgruppe im Rettungswesen steht so zuverlässig im Zentrum unseres Systems wie Sie. Und keine Berufsgruppe spürt die Belastungen und Widersprüche dieses Systems so unmittelbar wie Sie.
In den letzten Monaten haben viele von Ihnen uns berichtet, dass in einzelnen Organisationen zunehmend Angst geschürt wird. Man suggeriere, Veränderungen im Rettungswesen gingen zulasten Ihrer Arbeitsplätze oder Arbeitsbedingungen. Manche Arbeitgeber fordern ihre Beschäftigten gar auf, Petitionen oder Stellungnahmen zu unterzeichnen, die sich explizit gegen Strukturreformen richten – unter dem Hinweis, Ihr Berufsstand müsse nun um seine Zukunft bangen. In mehreren Fällen wird die Björn Steiger Stiftung sogar als „Gefahr“ für den Rettungsdienst dargestellt, weil wir uns seit Jahren für ein modernes, einheitliches und wissenschaftsbasiertes System einsetzen.
Ich nehme diese Sorgen sehr ernst. Und ich widerspreche diesen Behauptungen ebenso entschieden.
1. Ja – wir fordern Veränderungen.
Und das aus gutem Grund.
Seit vielen Jahren weisen wir darauf hin, dass das deutsche Rettungswesen strukturell feststeckt. Dass unzählige internationale Standards bei uns nicht umgesetzt werden. Dass digitale Rückstände, föderale Flickenteppiche, starre Rettungsdienstbezirke und fehlende nationale Verantwortung dafür sorgen, dass jährlich Menschen sterben, die nicht sterben müssten.
Dabei wird häufig verdrängt, woher der Rettungsdienst in Deutschland historisch kommt:
Er stammt aus einer Zeit, in der der Rettungsdienst vor allem transportiert hat – nicht therapiert. Damals war der Rettungsdienst Teil der kommunalen Gefahrenabwehr, gleichgestellt der Feuerwehr, mit einem Fokus auf schneller Beförderung, nicht auf medizinischer Behandlung.
Doch diese Zeit ist vorbei.
Heute ist der Rettungsdienst ein hochspezialisierter medizinischer Hochleistungsbereich.
Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter sind hochqualifizierte Medizinberufe. Sie führen komplexe, invasive Maßnahmen durch, treffen Behandlungsentscheidungen in Sekunden und sind integraler Bestandteil einer modernen Akutversorgung.
Darum kann der Rettungsdienst nicht mehr der kommunalen Gefahrenabwehr zugeordnet werden und darf nicht länger wie ein Feuerwehranhang verwaltet werden. Er gehört in das Gesundheitssystem – dorthin, wo medizinische Kompetenz strukturiert, weiterentwickelt und verantwortet wird.
Und damit wird er automatisch zu einer Aufgabe des Bundes, nicht der Länder. Solange der Rettungsdienst nicht als vollwertiger Teil unseres Gesundheitssystems anerkannt wird, können seine strukturellen Probleme auch nicht gelöst werden. Alles andere ist, als würde man moderne Intensivmedizin in ein Feuerwehrgesetz pressen wollen.
2. Unsere Verfassungsbeschwerde –
und was sie wirklich bedeutet.
Aus genau diesen Gründen haben wir eine Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe eingereicht. Und entgegen anderslautender Presseberichte ist diese Beschwerde nicht abgewiesen worden. Im Gegenteil: Das Bundesverfassungsgericht beschäftigt sich intensiv mit dem Verfahren. Rund vierzig Organisationen, Verbände, alle Landesregierungen, Behörden und Parlamente wurden zur Stellungnahme aufgefordert – ein Hinweis, dass es hier um eine Grundsatzfrage von nationaler Bedeutung geht.
Zum laufenden Verfahren äußere ich mich aus Respekt gegenüber dem Gericht nicht im Detail. Aber ich stelle klar:
Es geht um ein modernes System – nicht um Machtspiele. Nicht um Organisationen. Und schon gar nicht gegen die Menschen im Rettungsdienst.
3. Ihre Arbeitsplätze sind nicht bedroht – im Gegenteil: Sie werden wichtiger denn je.
Es sind nicht die Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter, deren Stellen gefährdet sind. Es sind nicht Ihre Arbeitsplätze, die zur Disposition stehen.
Sie werden gebraucht – überall, flächendeckend, in hoher Zahl und in Zukunft deutlich mehr als heute.
Die Wahrheit ist:
Ein moderner Rettungsdienst wird weniger Verwaltung benötigen, weniger Insellösungen, weniger Parallelstrukturen, weniger Geschäftsführerposten in jedem Kreis und jeder Kommune.
Aber er wird mehr Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter benötigen.
Mehr Kompetenz am Patienten.
Mehr Fachlichkeit.
Mehr Verantwortung in Ihrer Hand.
Wir als Stiftung erleben leider, dass gerade diejenigen, die heute gehaltsmäßig weit über Ihnen stehen, versuchen, alte Strukturen zu bewahren – indem sie Ihnen Angst machen. Dabei müsste diese Angst niemand haben, der täglich am Patienten arbeitet. Ihre Rolle wird stärker, nicht schwächer. Wenn wir eine Botschaft glasklar formulieren möchten, dann diese:
Keine einzige Stelle einer Notfallsanitäterin oder eines Notfallsanitäters wird durch unsere Forderungen verschwinden.
Es könnten nur endlich die Stellen verschwinden, deren Hauptaufgabe es ist, das Alte zu verwalten.
4. Wir setzen uns dafür ein, dass Sie nur zu den Einsätzen gerufen werden, für die Sie ausgebildet sind.
Derzeit sind Sie zu oft Ausputzer eines überlasteten ambulanten ärztlichen Systems. Zu oft werden Sie geschickt, weil Patientinnen und Patienten keinen Termin bekommen.
Zu oft fahren Sie Einsätze, die Sie frustrieren, die Sie aufreiben und die Ihre eigentliche Aufgabe verdecken.
Wir kämpfen dafür, dass der Rettungsdienst das tut, wofür er existiert:
• echte medizinische Notfälle,
• Zeitkritische Situationen,
• akute Gefahrenlagen,
• Menschen, die ohne Ihre Kompetenz sterben oder schwere Schäden erleiden würden.
Das ist nicht nur im Interesse des Patienten – es ist auch im Interesse Ihres Berufsstandes.
5. Wir wollen die Position der Notfallsanitäter stärken, nicht schwächen.
Wir fordern bundesweit:
• einheitliche Kompetenzen,
• keine willkürlichen Einschränkungen durch lokale Ärztliche Leiter,
• bundesweit gleiche Standards,
• die Möglichkeit, all das anwenden zu dürfen, wofür Sie ausgebildet wurden.
Es darf nicht sein, dass eine Notfallsanitäterin in einem Landkreis Kompetenzen hat, die ihr im Nachbarkreis verboten werden. Es darf nicht sein, dass Patientenversorgung von Kreisgrenzen abhängt.
Deshalb setzen wir uns dafür ein, dass:
das jeweils nächstgelegene Rettungsmittel fährt – unabhängig von Kreisgrenzen, Organisationszugehörigkeit oder historischer Zuständigkeit.
6. Wir fordern eine radikale Modernisierung der Leitstellen.
Deutschland ist das einzige Land in Europa, in dem:
• Telefonreanimation nicht flächendeckend und verpflichtend angewiesen wird,
• keine digitalen Messenger-Notrufe wie WhatsApp und andere möglich sind,
• First Responder nicht bundesweit einheitlich in das System integriert sind,
• und in dem Leitstellenstrukturen aus den 1970er- bis 1990er-Jahren als ausreichend betrachtet werden.
Das ist gefährlich. Es kostet Leben.
Wir wollen:
• eine verlässliche Telefonreanimation bei jedem Herz-Kreislauf-Stillstand – ohne Ausnahme,
• eine nationale einheitliche First-Responder-Struktur,
• moderne digitale einheitliche Kommunikationswege,
• zentrale und qualitätsgesicherte international standardisierte Leitstellen,
• klare Standards, klare Vorgaben, klare Verantwortung.
Leitstellen brauchen hochqualifizierte Disponenten – aber sie brauchen keine Notfallsanitäter am Schreibtisch, sondern Notfallsanitäter auf der Straße, bei den Menschen, die Ihre Fähigkeiten benötigen.
7. Andere Länder fahren längst Mercedes – wir polieren immer noch den Trabant.
Wir romantisieren den Rettungsdienst in Deutschland durch TV-Dokumentationen, mediale Erzählungen und ständige Selbstglorifizierung. Doch der Patient sieht nicht, dass manche Menschen sterben, weil Strukturen veraltet sind – nicht, weil die Rettungsprofis versagen.
Mein Vater, Siegfried Steiger, gilt als Vater des modernen Rettungsdienstes in Deutschland. Er hat 1969 ein revolutionäres System geschaffen. Aber er sagte bereits 1995:
„Die Zeit hat sich gedreht. Wir müssen das System völlig neu denken.“
Heute, 30 Jahre später, gilt das mehr denn je.
Wir brauchen eine neue Reform –
genauso mutig, genauso tiefgreifend, genauso revolutionär wie 1969.
8. Unser Kampf gilt zwei Gruppen:
den Patientinnen und Patienten – und Ihnen.
Wir kämpfen nicht gegen Organisationen.
Wir kämpfen nicht gegen Landkreise.
Wir kämpfen nicht gegen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Wir kämpfen für:
• den Notfallpatienten,
• die Rettungskette,
• einen modernen, sicheren, fairen, einheitlichen Rettungsdienst,
• und für die Stärkung der Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter.
Denn am Ende sind es Menschen, die Menschen retten. Und dafür brauchen Sie:
• das richtige System,
• die richtige Struktur,
• die richtige Unterstützung,
• und die Freiheit, Ihre Kompetenz anwenden zu dürfen.
Dass manche Verantwortungsträger versuchen, Ängste zu schüren, ist ein Hinweis darauf, dass sie um ihre alten Positionen fürchten – nicht darauf, dass Sie um Ihre Zukunft fürchten müssten.
Ihre Zukunft ist sicher. Ihre Bedeutung wächst.
Und Ihr Beruf ist unverzichtbar.
Zum Schluss: Sie können entspannen.
Andere sollten nervös werden.
Die Veränderung im Rettungswesen wird kommen – früher oder später. Und sie wird eine Veränderung zu Ihren Gunsten sein.
Eine Veränderung für die Versorgungsqualität, für die Patientensicherheit,
für Ihre Arbeitsbelastung,
für Ihren Handlungsspielraum,
und für Ihre berufliche Perspektive.
Ich verspreche Ihnen:
Wir als Björn Steiger Stiftung werden weiterhin mit voller Kraft für eine moderne, einheitliche und patientenzentrierte Notfallversorgung kämpfen – und für ein Rettungswesen, das Sie stärkt und nicht behindert.
Sie verdienen ein System, das so gut ist wie Ihre Arbeit.
Mit großem Respekt
und herzlichem Dank für Ihren täglichen Einsatz,
Pierre-Enric Steiger
Präsident der Björn Steiger Stiftung
