Kostenbeteiligung im Rettungsdienst: Symptom statt Lösung? Björn Steiger Stiftung sieht Verantwortung für Kosten nicht beim Bürger sondern bei Defiziten im Leitstellensystem

In mehreren Bundesländern – unter anderem in Nordrhein-Westfalen – wird derzeit über eine stärkere Kostenbeteiligung von Bürgerinnen und Bürgern bei Rettungseinsätzen diskutiert, insbesondere in Fällen ohne anschließenden Transport in ein Krankenhaus. Auslöser der Debatte sind steigende Einsatzahlen sowie finanzielle Belastungen der Kommunen. Die Björn Steiger Stiftung sieht in der aktuellen Diskussion jedoch vor allem ein Symptom struktureller Probleme im System – und warnt davor, die Verantwortung einseitig bei den Bürgerinnen und Bürgern zu verorten.

Der Städtetag NRW beziffert die jährlichen Kosten für nicht erstattete Einsätze auf mindestens 250 Millionen Euro. In Essen sollten Patienten ab Januar 2026 rund 267 Euro Eigenanteil pro Rettungswageneinsatz zahlen. Auch wenn diese Bescheide dort vorerst ausgesetzt wurden, ist die Diskussion längst in zahlreichen Kommunen und Landesparlamenten angekommen. Die Stiftung sieht die Verantwortung für die steigenden Kosten dagegen nicht bei den Bürgerinnen und Bürgern sondern in strukturellen Defiziten im Leitstellensystem.

„Die Diskussion um eine Kostenbeteiligung der Bürger ist ein Symptom jahrzehntelangen politischen Versagens. Wer den Menschen eine Rechnung schicken will, weil der Rettungsdienst den Patienten schlussendlich nicht transportiert, sondern zum Beispiel vor Ort ambulant behandelt, macht die Opfer eines kaputten Systems zu Schuldigen“, erklärt Pierre-Enric Steiger, Präsident der Björn Steiger Stiftung. „Das Problem sind nicht die Bürger, die in einer Notsituation den Notruf wählen. Das Problem ist ein Leitstellensystem, das in den 1990er-Jahren stehengeblieben ist und die falschen Ressourcen zum falschen Zeitpunkt an den falschen Ort schickt – weil es schlicht nicht in der Lage ist, die Notrufe und Hilfeersuchen adäquat zu differenzieren und die richtige Hilfe zu schicken.“

Leitstellenstruktur im internationalen Vergleich
Deutschland verfügt derzeit über rund 244 Notrufleitstellen. Im europäischen Vergleich ist die Struktur deutlich stärker fragmentiert: Frankreich arbeitet mit etwa 100 Leitstellen, Italien mit rund 65, Spanien mit etwa 26 und Österreich mit 9. Diese Unterschiede allein sind noch kein Qualitätsindikator. Entscheidend ist jedoch, dass in vielen Ländern stärker standardisierte Notrufabfragesysteme eingesetzt werden, die eine strukturierte medizinische Ersteinschätzung bereits am Telefon ermöglichen.

Nach Einschätzung der Björn Steiger Stiftung werden solche Systeme in Deutschland bislang nicht flächendeckend genutzt. Dadurch könne es häufiger zu Dispositionsentscheidungen kommen, bei denen Rettungsmittel eingesetzt werden, obwohl andere Versorgungsformen ausreichend wären.

„Wir brauchen ein effizientes Patientenmanagement und eine Patientenlenkung in den Leitstellen. In vielen Fällen ist gar kein Rettungswagen notwendig – aber um das sicher beurteilen zu können, braucht es international standardisierte, medizinische und vor allem qualitätsgesicherte Notrufabfragesysteme und keine Leitstellenstrukturen aus dem letzten Jahrhundert“, sagt Christof Constantin Chwojka, Geschäftsführer Rettungsdienst der Björn Steiger Stiftung. „Dort, wo internationale Standards bereits umgesetzt sind, kommt es erst gar nicht zu diesen unnützen Fahrten und den damit verbundenen vermeidbaren Kosten. Die Lösung liegt nicht in der Bestrafung der Bürger, sondern in der längst überfälligen Modernisierung der Leitstellen.“

Entwicklung seit den 1990er-Jahren
Deutschland galt lange als Vorreiter im Rettungswesen, etwa durch den flächendeckenden Ausbau des Notrufs 112 und die Professionalisierung der Notfallmedizin. In den vergangenen Jahrzehnten haben viele Länder ihre Systeme jedoch stärker digitalisiert, standardisiert und vernetzt. In Deutschland sind Reformen in diesen Bereichen bislang nur punktuell erfolgt. Fachkreise weisen daher zunehmend auf Modernisierungsbedarf hin – insbesondere bei der Integration von Notrufsystemen, der Nutzung digitaler Technologien und der Qualitätssicherung in Leitstellen.

Effizienz und Qualität im Rettungsdienst
Deutschland verfügt über ein leistungsfähiges Rettungsdienstsystem mit gut ausgebildetem Personal und moderner Ausstattung. Gleichzeitig wird seit Jahren über steigende Kosten und eine hohe Einsatzdynamik diskutiert. Die Stiftung sieht hier ein Spannungsfeld zwischen hoher Versorgungsqualität vor Ort und Optimierungsbedarf in der Steuerung der Einsätze.

„Wir haben die besten Rettungskräfte, die besten Fahrzeuge, die beste Ausstattung – und verschwenden das alles, weil die zentrale Steuerungsebene nicht funktioniert“, so Pierre-Enric Steiger. „Systembedingt sterben täglich Menschen unnötig. Unseren hoch qualifizierten Rettungskräften sind die Hände gebunden. Und jetzt soll der Bürger dafür bezahlen, dass die Politik seit Jahrzehnten nichts getan hat? Das ist eine Bankrotterklärung.“


Ansätze für Reformen
Die Björn Steiger Stiftung spricht sich für eine Weiterentwicklung des Systems aus. Dazu zählen unter anderem:

  • der breitere Einsatz standardisierter medizinischer Notrufabfragesysteme
  • eine stärkere digitale Vernetzung der Leitstellen
  • die bessere Verzahnung von Notruf (112) und ärztlichem Bereitschaftsdienst (116 117)
  • neue Modelle der Patientensteuerung, um je nach Bedarf die passende Versorgungsform zu wählen

„Wenn die Politik jetzt als Antwort den Bürgern Rechnungen schicken will, dann muss sie zuerst selbst zur Verantwortung gezogen werden“, fordert Christof Constantin Chwojka. „Jahrzehntelanges Nichtstun, das bloße Verwalten alter Strukturen und das konsequente Ignorieren moderner Entwicklungen – das ist die wahre Ursache dieses Desasters. Es wird auf dem Rücken der Mitarbeiter im Rettungsdienst und auf dem Rücken der Patienten ausgetragen. Das muss jetzt aufhören.“

Juristische und politische Dimension
Die Björn Steiger Stiftung plädiert dafür, die aktuelle Debatte nicht allein unter Kostengesichtspunkten zu führen. Im Mittelpunkt sollte vielmehr die Frage stehen, wie das System insgesamt effizienter, zielgenauer und zukunftsfähig gestaltet werden kann.

„Deutschland braucht keine Strafgebühren für Notrufende. Deutschland braucht Leitstellen, die im 21. Jahrhundert angekommen sind. Die Lösungen liegen auf dem Tisch – international erprobt, wissenschaftlich belegt, jederzeit umsetzbar. Es fehlt einzig und allein der politische Wille“, so Pierre-Enric Steiger.

Über die Björn Steiger Stiftung:
Die Björn Steiger Stiftung wurde 1969 von Ute und Siegfried Steiger gegründet, nachdem ihr Sohn nach einem Verkehrsunfall an den Folgen unzureichender Notfallversorgung verstarb. Seitdem engagiert sich die Stiftung unermüdlich für die Verbesserung des Rettungswesens in Deutschland. Zu ihren wegweisenden Initiativen zählen unter anderem die Einführung der Notrufnummern 110/112, Gründung und Aufbau der Deutschen Rettungsflugwacht (DRF) sowie die Einrichtung von Notrufsäulen an Bundes- und Landstraßen. Die Stiftung verfolgt das Ziel, auf Missstände im Bereich der Notfallhilfe aufmerksam zu machen, den öffentlichen Diskurs anzustoßen und mit eigenen Projekten, wie dem Baby-Notarztwagen oder Herzsicher, und konkreten Lösungen zu einer besseren Notfallversorgung beizutragen – so auch 2025 mit der Einreichung einer Verfassungsbeschwerde zur Schaffung einheitlicher Regelungen im Rettungsdienst. Seit 2024 engagiert sich die Stiftung in konsequenter Weiterentwicklung ihrer Geschichte mit einem eigenen Bereich in der Vermeidung von Verkehrsunfällen. Weitere Informationen unter: www.steiger-stiftung.de

Bildhinweise:

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Christof Constantin Chwojka
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