
Wenn es um ältere Autofahrerinnen und Autofahrer geht, kursieren im öffentlichen Diskurs oft Vorurteile. Schnell ist von „nachlassender Reaktionsfähigkeit“ oder „kognitiven Defiziten“ die Rede. Eine neue Studie der Unfallforschung der Björn Steiger Stiftung, in der Unfalldaten von 230.000 polizeilich aufgenommenen Unfällen untersucht wurden, rückt dieses Bild jedoch in ein anderes Licht: Die meisten altersspezifischen Unfälle mit Verletzten oder getöteten Personen, die von Seniorinnen und Senioren verursacht wurden, waren weniger auf kognitive Defizite, sondern überwiegend auf akute medizinische Ereignisse oder Notfälle zurückzuführen. Das Risiko für solche Vorfälle, ebenso für geistige Defizite, steigt aber natürlich mit dem Alter.
Laut Siegfried Brockmann, Geschäftsführer des Bereichs Unfallprävention der Björn Steiger Stiftung traten laut Studie bei älteren Fahrerinnen und Fahrern vermehrt plötzliche gesundheitliche Ereignisse auf – etwa Schwindel, Krämpfe, Ohnmachtsanfälle, Herzinfarkte oder Schlaganfälle. Diese sind schwer oder gar nicht vorhersehbar und können auch bei grundsätzlich gesunden Menschen auftreten.
Das erklärt, warum verpflichtende Gesundheitstests kaum einen Sicherheitsgewinn bringen würden. Insofern sei es richtig, dass die Europäische Union auf eine solche Pflicht bislang verzichtet.
Die Studie zeigt außerdem: Das Risiko, einen Unfall mit Personenschaden zu verursachen, ist bei älteren Fahrerinnen und Fahrern ähnlich hoch wie bei der Hochrisikogruppe der jungen Fahrer zwischen 18 und 24 Jahren. Es gibt also eine Gefahr, die Ursachen sind aber völlig andere: Jugendlichkeits- und Anfängerrisiko auf der einen Seite, medizinische und kognitive Probleme auf der anderen.
Brockmann sieht Hausärztinnen und Hausärzte in einer wichtigen Rolle: Sie kennen die gesundheitliche Situation ihrer Patientinnen und Patienten und können frühzeitig Anzeichen erkennen, die die Fahrsicherheit beeinträchtigen könnten. Ein noch zu entwickeltes Frage- und Untersuchungsverfahren könnte hier helfen – vorausgesetzt, es wird fair vergütet und die Betroffenen halten sich an die empfohlene Medikation.
Erfreulich ist ein weiterer Aspekt gemäß Brockmann: Ältere Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer können kognitive Schwächen oft sehr gut durch angepasstes und vorsichtiges Fahren kompensieren. Zur eigenen Sicherheit empfiehlt er aber auch Fahrfitness-Checks bzw. sog. Rückmeldefahrten. Das sind freiwillige, begleitete Fahrten im realen Straßenverkehr, die dazu dienen, das eigene Fahrverhalten und die Fahrkompetenz zu beurteilen und zu verbessern.
Unfälle von älteren Autofahrerinnen und Autofahrern haben meist medizinische, nicht kognitive Ursachen. Zwingende Gesundheitstests helfen wenig – aber ärztliche Begleitung, moderne Technik, angepasstes Fahren und freiwillige Fahrfitness-Checks können viel bewirken. Mit einem gesunden Maß an Selbstverantwortung und ärztlicher bzw. technischer Unterstützung können auch Seniorinnen und Senioren sehr lange mobil bleiben und dieses Mehr an Lebensqualität genießen.
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