Staatliche Zuständigkeiten erfordern Fachgremien. Also gründet die Björn Steiger Stiftung die "Arbeitsgemeinschaft Rettungsdienst Nordwürttemberg" und weitere Fachgremien unter dem Vorsitz von Siegfried Steiger, aus denen später Ausschüsse und "Ständige Konferenzen" hervorgehen, wie zum Beispiel die "Landes Rettungsdienstausschüsse" oder die "Ständige Konferenz Rettungsdienst beim Bundesverkehrsminister".

Die Stiftung übergibt bis zu diesem Zeitpunkt 100 Funkgeräte im Wert von 670.000 DM an den Rettungsdienst; jedes einzelne kostete damals mehr als ein VW-Käfer. Zu einer der Übergaben kommen 50 Krankenwagen auf den Cannstatter Wasen.

Bis in die achtziger Jahre gab es immer noch Telefonzellen, in denen man nur mit 20 Pfennig einen Notruf absetzen konnte. Damit im Notfall nicht das passende Kleingeld fehlt, initiiert die Björn Steiger Stiftung symbolische Aktionen mit Pappkarten. Diese enthalten zwei 10-Pfennig Münzen und werden verteilt sowie in öffentlichen Fernsprechern aufgehängt. Nachdem die Bundespost Anfang der 70er Jahre die Einrichtung des münzfreien Notrufs angeboten hatte, übt die Stiftung nochmals Druck auf die Innenminister der Länder aus. 1984 wird der münzfreie Notruf beschlossen.

Das Bundesverkehrsministerium installiert testweise 100 Notruftelefone in verschiedenen Bundesländern. Die Länder verweigern die Kostenbeteiligung, daraufhin stellt der Bund seine Aktivitäten in dieser Richtung ein. Deshalb beginnt die Stiftung alleine mit der Planung dieses Systems. Nach langwierigen Vorbereitungen beginnt am 7. Juli die Bestückung der Bundesstraßen mit Notruftelefonen. Bis heute hat die Björn Steiger Stiftung insgesamt 35.000 km mit stationären Telefonen versorgt.

Mit Unterstützung der Motor-Presse-Stuttgart finanziert die Stiftung einen voll ausgerüsteten Notarztwagen, um ihn einer deutschen Stadt zu übergeben. Die Auflage: Rund um die Uhr muss ein Notarzt zur Verfügung stehen. Diese Auflage will aber keine Großstadt in Deutschland erfüllen. Erst nach der Berichterstattung durch die Medien organisiert die Stadt Stuttgart einen Notarztdienst. Das war der Start für das bundesdeutsche 24-Stunden-Notarztsystem.

Zwei Jahre sollte die Stiftung als Triebfeder für ein neues Rettungssystem dienen - und dann wieder aufgelöst werden. Allerdings hätte dies viel vom bisher Erreichten wieder in Frage gestellt. Denn ohne engagierten und couragierten Druck auf Politiker und Institutionen wären viele der angestoßenen Aktionen und Initiativen absehbar im Sand verlaufen. Deshalb führen Ute und Siegfried Steiger die Stiftung neben Ihrem Architekturbüro weiter fort. Die neue Strategie für kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit: Mängel aufzeigen - Lösungsvorschläge erarbeiten - Kosten ermitteln - Umsetzung durch Anschubfinanzierung realisieren.

Die nach dem Krieg gebauten Autobahnen haben kein Notrufsystem mehr. Das Bundesverkehrsministerium denkt darüber nach, auch die ungenutzten Systeme an den Vorkriegsautobahnen abzubauen. In einem ausführlichen Gespräch überzeugt Siegfried Steiger Bundesverkehrsminister Georg Leber vom sinnvollen Erhalt und der notwendigen Wiederbestückung mit modernen Notruftelefonen. Darüber hinaus erreicht die Stiftung, dass ab 1973 alle neuen Autobahnen von Anfang an wieder mit stationären Notruftelefonen bestückt werden.

Schnelle Hilfe ist wichtig - möglichst schon auf dem Weg ins Krankenhaus. Bis dahin erfolgte der Transport von Verletzten nur mit Krankenwagen ohne medizinische Einrichtung und ohne betreuenden Rettungssanitäter. Deshalb übergibt die Stiftung jedem Bundesland einen Rettungswagen mit voller medizinischer Ausrüstung - die Geburtsstunde des heutigen modernen Rettungsdienstes in der Bundesrepublik.

Die Bundesregierung kann den für den Großraum Frankfurt zugesagten Rettungshubschrauber nicht finanzieren - und auch der ADAC will sich nicht finanziell an der Luftrettung beteiligen. Deshalb kauft die Stiftung in Eigenregie aus den Erlösen einer Benefizschallplatte und durch die Verpfändung des Wohnhauses der Familie Steiger den Rettungshubschrauber Christoph 2 und übergibt ihn an das Bundesinnenministerium. Damit ist eine der schwierigsten Krisen zu Beginn der zivilen Luftrettung überwunden.

Die flächendeckende Finanzierung der Luftrettung ist für die Bundesregierung nicht machbar. Deshalb sorgt die Björn Steiger Stiftung für den Aufbau und die Finanzierung der ersten zivilen Luftrettungsorganisation in Deutschland: der Deutschen Rettungsflugwacht (DRF).

Die Stiftung startet mit dem eigenfinanzierten "Rettungsmodell Rems-Murr". Im Rahmen dieser wissenschaftlichen Strukturanalyse wird erstmals eine vollständige Personal- und Materialberechnung für einen wirtschaftlich finanzierbaren Rettungsdienst erhoben. Am 25. März 1974 wird das Modell vom Kreistag übernommen und später dann zum Muster für die bundesweite Notfallhilfe. Die damals errechneten Werte sind bis heute gültig. Schon 1973 fordert die Björn Steiger Stiftung Zentral-Leitstellen für mehrere Millionen Einwohner.

Im Frühjahr 1973 führt die Stiftung die Notrufnummer 110/112 in allen Ortsnetzen der Deutschen Bundespost im damaligen Regierungsbezirk Nordwürttemberg ein. Als die bundesweite Einführung scheitert, verklagt sie am 27. Juli 1973 das Land Baden-Württemberg und die Bundesrepublik Deutschland vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart auf Einführung der Notrufnummer (AZ: II 139/73). Die Klage wird am 3. September 1973 erwartungsgemäß abgelehnt, führt aber zu einer breiten Unterstützung durch die Öffentlichkeit. Am 20. September 1973 wird die Einführung des Notrufs dann auf der Sitzung der Ministerpräsidenten mit dem Bundeskanzler beschlossen.

Schwer verletzte, eingeklemmte Unfallopfer müssen noch Anfang der 1970er Jahre oft lange auf ihre Bergung warten, weil die schweren Rüstwagen der Feuerwehr zu spät oder gar nicht zum Unfallort kommen. Um eingeklemmte Unfallopfer schneller bergen zu können, entwickelt die Björn Steiger Stiftung zusammen mit der Stuttgarter Feuerwehr einen geländegängigen Schnellbergungswagen. Er wird am 15. Mai 1974 in Dienst gestellt. Die Björn Steiger Stiftung finanziert mehr als zehn dieser Fahrzeuge. Heute sind sie unter dem Namen Vorausrüstwagen weltweit in vielen tausend Exemplaren im Einsatz.

Bis 1974 hat die Bundesrepublik die höchste Säuglingssterblichkeit aller Industrienationen. Der Grund: die in Deutschland noch immer praktizierte Trennung von Entbindungs- und Kinderkliniken. Problematische Transporte ohne ärztliche Versorgung führen häufig zu Spätfolgen oder gar zu Todesfällen. Deshalb entwickelt und finanziert die Björn Steiger Stiftung 1974 den ersten Baby-Notarzt-Wagen mit integriertem Transport-Inkubator für gefährdete Kleinkinder. Insgesamt finanziert die Björn Steiger Stiftung Transporteinrichtungen für Kleinkinder im Wert von 2 Millionen Mark. Die Säuglingssterblichkeit in den betroffenen Regionen sinkt daraufhin um fast 70% - die Baby-NAW haben tausenden Kindern die Gesundheit erhalten.

Die Bundesanstalt für Straßenwesen beauftragt die Björn Steiger Stiftung, im Forschungsprojekt 7342 "die Effizienz von Meldesystemen bei Verkehrsunfällen in Abhängigkeit von der Örtlichkeit" zu untersuchen. Basis ist das Rettungsmodell Rems-Murr, die Laufzeit von 1975 bis 1978 und das Ziel ist die Verkürzung der Meldezeit nach einem Unfall. Die Notwendigkeit von Notruftelefonen kann eindeutig belegt werden. Diese wissenschaftlichen Untersuchungen werden anschließend auf Kosten der Stiftung fortgesetzt.

Nach der systematischen Einführung des Notarztsystems treten Probleme an der Schnittstelle zwischen Rettungsdienst und Krankenhaus-Notaufnahme auf. Der Patient kommt zwar schnell ins Krankenhaus, dort müssen aber zuerst einmal zeitaufwendig die Patientendaten erstellt werden - die Behandlung beginnt häufig erst mit Verzögerung. Um Zeit zu gewinnen, entwickelt die Björn Steiger Stiftung den ersten euoropäischen Telematik-Notarztwagen, von dem aus die Patientendaten direkt in die Klinik übermittelt werden können. Leider muss der erfolgreiche Versuch in Baden-Baden schon nach einem halben Jahr abgebrochen werden, da die Deutsche Bundespost die notwendigen Funkfrequenzen nur für sechs Monate zur Verfügung stellt. Heute ist die Telematik kein technisches Problem mehr - eher ein Schnittstellenproblem zwischen den Kliniken.

Die Björn Steiger Stiftung fordert schon 1969 im 15 Punkte-Programm ein Berufsbild für Rettungssanitäter, um die Notfallhilfe aufzuwerten und zu verbessern. Sie finanziert im Februar 1976 für zwei Jahre die Ausbildungskosten eines Rettungssanitäters des Deutschen Roten Kreuzes in Höhe von 50.000 DM. Diesem ersten, wichtigen Anstoß schließen sich immer mehr Fachleute an. Am 1. September 1989 wird das Berufsbild "Rettungsassistent" dann gesetzlich geregelt.

Nur drei bis fünf Minuten nach einem plötzlichen Herzversagen muss qualifizierte erste Hilfe geleistet werden - sonst drohen Spätfolgen oder Schlimmeres. 1976 kommen die ersten Frühdefibrillationsgeräte auf den Markt. Die Björn Steiger Stiftung kauft am 22. April 1977 das erste Gerät und übergibt es dem nichtärztlichen Rettungsdienst in Ludwigsburg. Die Initiative scheitert zuerst am Widerstand der Ärzteschaft und Behörden. Diese beharren darauf, dass die lebensrettende Frühdefibrillation nur von Ärzten durchgeführt werden darf. Erst im Mai 2001 empfiehlt die Bundesärztekammer die Defibrillation durch Laien mit automatisierten externen Defibrillatoren.

Eberhard Hemminger entwickelt als ehrenamtlicher Mitarbeiter der Björn Steiger Stiftung ein handliches und leicht bedienbares Hebe- und Spreizgerät - den Rettungsbully. Damit können Ersthelfer aus dem Rettungsdienst eingeklemmten Unfallopfern noch vor dem Eintreffen der Feuerwehr-Vorausrüstwagen "erste technische Hilfe" leisten. Mit einem transportfreundlichen Gerät schafft die Hydraulik eine Hubkraft von 5 Tonnen - genug, um verkeilte oder ineinander geschobene Fahrzeugteile zu trennen und die Lage des Verletzten zu erleichtern.

Im Idealfall sind Notarzt, Rettungsassistent und Fahrer eines Notarztwagens in der gleichen Rettungswache stationiert. Wo dies nicht möglich ist, wird der Notarzt nach der Alarmierung in der Klinik abgeholt. Dies führt zu erheblichen Zeitverzögerungen. Deshalb entwickelt die Björn Steiger Stiftung ein Notarzt-Einsatz-Fahrzeug (NEF), das 1979 auf der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt am Main erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Um die Einführung des NEF zu beschleunigen, schenkt die Björn Steiger Stiftung am 25. August 1980 in Bonn den vier Hilfsorganisationen ASB (Arbeiter-Samariter-Bund), DRK (Deutsches Rotes Kreuz), JUH (Johanniter-Unfall-Hilfe) und MHD (Malteser Hilfsdienst) je ein NEF.